Intimbehaarung: Wachsen lassen statt waxen lassen?

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Es scheint eine Trendumkehr zu geben – während vor einigen Jahren ‚unten glatt‘ noch als unumstrittenes Schönheitsideal galt, stehen heute immer mehr Frauen – und Männer – zu ihrem Schamhaar und lassen den zarten Pelz (wieder) wachsen. Absurd genug, dass sich im Deutschen – und zwar nur im Deutschen – die Bedeutung ‚Scham‘ als Begriff bzw. als verhüllende Bezeichnung für die Geschlechtsteile entwickelt hat, schämten sich in den letzten Jahren offenbar auch noch viele Menschen so sehr für ihre natürliche Behaarung im Intimbereich, dass Sie diese mit tauglichen und weniger tauglichen Mitteln zu eliminieren suchten.

Gemeinsam haben Pop, Pornoindustrie & Co im letzten Jahrzehnt ein nahezu verbindliches Schönheitsideal geschaffen, nämlich das des vollrasierten Geschlechts. Gekrönt wurde dieser Trend durch die legendäre Forderung Victoria Beckhams, die Intimrasur für Frauen ab 18 Jahren zur Bürgerpflicht zu erheben – und wir fürchten, dass Frau Beckham das ernst gemeint hat.

Dabei hat sich die Natur beim Design der Schamhaare etwas gedacht: Sie zeigen die Geschlechtsreife an und schützen vor Krankheitserregern. Evolutionär betrachtet dienen Schamhaare dazu, die Pheromone – also die Sexuallockstoffe – bei ihrer Verdunstung besser zu verbreiten um Paarungsbereitschaft zu signalisieren.

Glatte Norm?

Im Lauf der Menschheitsgeschichte gab es aber auch immer wieder Kulturen, bei denen Haarlosigkeit Mode war. Der Ausgangspunkt für den aktuellen Trend ist jedoch erwiesenermaßen in der zunehmenden Pornoisierung der Gesellschaft zu finden. Nackte Geschlechtsteile in einschlägigen Filmen haben den simplen Sinn, Penetration besser filmen und sichtbar machen zu können.

Warum dieser Pornotrend dann eigentlich zu einem Mainstream wurde, und die natürliche Behaarung in weiten Kreisen der westlichen Welt eher als anstößig anstatt als natürlich und sexy galt, ist eigentlich kaum nachzuvollziehen.

Doch immer mehr Frauen haben heute (endlich!) keine Lust mehr darauf, sich dem Gruppenzwang zu unterwerfen und Kosten, Risiken und Mühen auf sich zu nehmen, um einem eigentlich absurden Schönheitsideal zu entsprechen. Und das ist gut so. Denn die Haarentfernung im Intimbereich hat tatsächlich mehr Nach- als Vorteile. Da ist zunächst einmal der Zeitfaktor: wer verhindern will wie ein Kaktus herumzulaufen muss in das Projekt ‚glatte Vulva‘ Zeit investieren. Die tägliche Rasur, der Termin im Waxing Studio, der Einsatz von Kaltwachsstreifen, das Anwenden von Cremes oder Schäumen – all diese Methoden kosten Zeit.

Dann wäre da das Thema ‚Verträglichkeit‘: viele Anwenderinnen reagieren allergisch auf Inhaltsstoffe von Enthaarungsmitteln, und die Haut reagiert gereizt. Auch nach Rasur und Waxing ist die zarte Haut im Intimbereich oft irritiert und zudem berührungsempfindlich.

Infolge dieser Hautirritationen, die zu einer Hyperpigmentierung der Haut, zu Reizungen der Vulva oder Vagina sowie zu genitalen Infektionen führen können, kommt noch das Verletzungsrisiko an sich: mehr als 80 Prozent der Verletzungen im Intimbereich die in Notaufnahmen von Spitälern behandelt werden, sind durch unsachgemäße Intimrasur verursacht. Zusätzlich zu bedenken: das erhöhte Risiko, sich in Folge einer bei der Intimrasur zugefügten Verletzung mit einer sexuell übertragbaren Krankheit anzustecken.

Wachsen lassen statt waxen lassen?

2013 begann die Trendumkehr; 2014 meinte die britische Zeitung „The Guardian“ unter dem Titel „the year of the bush“ es sei (endlich) an der Zeit die gesamte weibliche Körperbehaarung wiederzuentdecken.

Auch immer mehr Prominenz aus Film und Fernsehen bekennt sich zum ‚back to the nature‘ Trend. Manche ’nur‘ im Rahmen von Fotos, die für sich sprechen und den Trend bildlich ‚untermauern‘, wie Lady Gaga oder Kate Moss, andere sprechen auch ganz offen und deutlich darüber und nennen die Dinge beim Namen: Gwyneth Paltrow, zum Beispiel, erzählte schon 2013 jedem, der es hören wollte, dass sie keine Lust hat, sich ihres Intimhaares zu schämen und in Cameron Diaz Buch „The Body Book“ wird dem Thema sogar ein eigenes Kapitel „Loblied auf das Schamhaar“ gewidmet.

In der deutschen Übersetzung liest sich das so: „Lasst uns mal ehrlich sein: Wie jedes andere Körperteil ist die Labia majora – die äußere Schamlippe – nicht immun gegen die Schwerkraft. (…) Es ist eine persönliche Entscheidung, aber Ladys, zieht in Betracht, eure Vagina bekleidet zu lassen. Die Vorstellung, dass Vaginas unbehaart am schönsten sind, ist ein neues Phänomen. Und alle Trends ändern sich.“

Ob jetzt das Argument, dass ‚frau‘ ihre Schamlippen mittels Intimbehaarung ob der sichtbar werdenden Effekte der Schwerkraft ‚verstecken‘ will, nun ein besonders emanzipatorisches sei, wollen wir allerdings dahingestellt lassen. Aber auch folgendes Argument hat etwas für sich:

„Er will das so!“

Wer erinnerst sich noch an die „Sex and The City“-Folge, in der Samantha versucht, sich das Schamhaar wachsen zu lassen, weil – und das sagt sie, als wäre er ein Perverser – ihr aktueller Freund „auf einen vollen Busch steht“. Tatsache ist, dass viele Männer eine natürliche Behaarung im Schambereich attraktiver finden als einen glatten Venushügel.

Einerseits, so argumentieren Männer mit Vorliebe für Wildwuchs, wollen sie eine erwachsene Frau auch als solche erkennen und keinen ‚Babylook‘, andererseits geht es auch um die Sexualduftstoffe, die sich in einer haarigen Umgebung einfach besser entwickeln können. Männer, die wir zu diesem Thema befragt haben, sagen auch unisono, dass es ohnedies nicht nur um den Look, sondern ums gesamte Erscheinungsbild und das Erlebnis mit allen Sinnen geht: Spüren, riechen, schmecken und sehen – und last but not least hört sich Sex mit Haarwuchs als Stoßdämpfer auch anderes an als nackte Haut, wenn sie aneinander klatscht.

„Wenn Pelz tragen, dann den eigenen“, ist eine Devise, die sich immer mehr durchsetzt. Ein hübsch gepflegter Busch ist doch eigentlich sehr viel ansehnlicher und streichelweicher als ein pickeliger Stoppelrasen und zudem billiger als die monatliche Diamantstellung im Waxingstudio – zwei weitere Argumente, die auf immer breitere Zustimmung stoßen.

Aber Geschmäcker und Ohrfeigen sind ja bekanntlich verschieden, daher vergessen Sie nicht: es geht niemals darum, was ‚man‘ gerade tut oder trägt, sondern immer nur darum, wie Sie sich selbst am wohlsten fühlen. Kein gesellschaftlicher Zwang sollte uns dazu bringen, zu enthaaren, wenn wir das nicht wollen.

Schönheit liegt nun mal im Auge des Betrachters und endlich wird auch der behaarte Intimbereich wieder als vollkommen normal und gesellschaftskonform betrachtet. Wenn Sie Ihre Schamhaare trimmen oder waxen lassen wollen, machen Sie’s, aber wenn Sie keine Lust darauf haben, sollten Sie der Natur freien Lauf lassen! Die Zeiten, als man sich genötigt fühlte, einem vermeintlichen Schönheitsideal zu folgen, sind erfreulicherweise wieder vorbei!

[abo]

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