Pornographie im Wandel der Zeit

Pornographie im Wandel der Zeit

Nach den prüden 1950ern waren die darauffolgenden zwei Jahrzehnte jene, in denen Sexualität offen und sichtbar, anstatt verschämt und versteckt ausgelebt wurde. Sex and Drugs and Rock n’ Roll läuteten das „Golden Age of Porn“ ein. Das Pornografieverbot in den USA wurde aufgeweicht, auch in Japan und Europa wurden Pornofilmen zunehmend populärer, auch wenn sie in Deutschland noch bis 1975 verboten waren.

Filme wie „Deep Throat“, im „Reich der Sinne“, „Alice in Wonderland“ (1976) oder „Memories within Miss Aggie“ haben heute Kultstatus. Das Interesse damals war immens, die Vorstellungen oft wochenlang ausverkauft, die Jugend war frei, wild und hungrig. Sie hatten Aufhol- und Abgrenzungsbedarf gegenüber der Elterngeneration in jeder Hinsicht – auch und ganz besonders was Sexualität betrifft.

„All we need is love …“

Die Hippiekultur war 1967 im ‚summer of love‘ zu einem Massenphänomen geworden, 1969 folgte Woodstock – die Bilder der ekstatisch tanzenden, völlig zugedröhnten Nackten haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Wohngemeinschaften in denen junge Intellektuelle und Künstler, Freaks und Aussteiger der freien Liebe frönten waren nicht nur in den USA sondern bald auch in Europa eine beliebte Form des experimentellen Zusammenlebens.

Die eher schmuddelige Variante dieser neuen freien Liebe war Porno. Aus ‚alle we need is love‘ wurde ‚all we sell is Sex’. Filmemachern die rechtzeitig auf den Zug aufsprangen, konnten binnen kürzester Zeit und ohne große Investitionen Megaerfolge – auch finanzieller Art – einfahren. Die Darsteller der frühen Pornos waren allerdings die letzten in der Futterkette. Nicht nur, dass sie wenig für ihre körperlich durchaus ambitionierten Leistungen verdienten, waren die Arbeitsbedingungen hart und unbarmherzig. Körperliche Ausbeutung und schlechte Bezahlung waren üblich im hard core Filmbusiness; von der Goldgräberstimmung profitierten nur einige wenige.

Spielarten des Pornos

Im deutschsprachigen Raum waren zunächst zwei Spielvarianten des ‚Softpornos‘ populär. Da gab es einerseits die pseudoaufklärerischen Filmchen a la ‚Schulmädchenreport‘ und andererseits jene Produktionen, die am Heimatfilm Anleihe nahmen und mit eindeutigen Titeln wie ‚Jucken in der Lederhose‘ nicht verhehlten, worum es ging.

In den USA hingegen sahen viele junge Regisseure in der Pornoindustrie die Chance sich auszuprobieren. Manche experimentieren um ‚ihren‘ Stil zu finden, andere drehten Pornos um Geld für ‚echte‘ künstlerische Projekte zu verdienen. Es gab Pornos mit Horrorelementen, und Westernhardcore Sexfilme, Politthriller- Weltraum- und Krimipornos und auch so manches obskure Werk, das sich in LSD geschwängerten Bilderwelten verlor und völlig inhaltsfrei war. Manche der Filme versuchten sich ernsthaft an einem Plot, anderen war die Story offenbar vollkommen egal – da stand eindeutig das Eindeutige im Mittelpunkt.

Not only video killed the Pornostar..

Mit dem technischen Fortschritt und dem Siegeszug der Heimvideokamera endete die goldene Ära des Pornos. Auf einmal konnte jeder und jede ein Sexfilmchen drehen. Unzählige Videos, schnell und ohne großen Aufwand hergestellt, überfluteten den Markt und niemand war mehr bereit, Geld für aufwändige Studioproduktionen auszugeben. Dazu kam, dass es dank Technik schließlich auch möglich war, sich selbst als ‚Pornodarsteller‘ zu generieren. Kamera gut positionieren, auf ‚Start‘ drücken, und je nach Geschmack pornographischer oder ‚softer‘ mit sich selbst als Hauptdarsteller und wem auch immer als weitere Gespielen loslegen.

Das Auftreten von Aids Mitte der Achtziger führte zu einer erneuten Zäsur. Die Angst vor der zunächst tödlichen Krankheit drängte die billigen Videoproduktionen wieder in den Hintergrund – oder in den Untergrund. Während einerseits gesundheitsbewusste Darsteller als auch verantwortungsvolle Konsumenten nach Veränderungen und risikofreien Bedingungen am Dreh riefen, wurden jenem die sich nicht wegern und organisieren konnten erst recht ausgebeutet und arbeiteten unter Hochrisiko. Doch dann kam world wide web und veränderte wieder alles.

Pornographie im Wandel der Zeit

WWW, social media, die ‚cloud‘ – vom dark net wollen wir hier gar nicht erst reden – Pornographie und Sex sind mittlerweile allzeit verfügbar. Extra Schutzcodes um Computer und Fernseher möglichst ‚jugendfrei‘ zu programmieren und Kinder- und Jugendschutz zu gewährleisten sind mittlerweile ebenso selbstverständlich wie Kindersitze im Auto. Doch trotz aller ‚Vorsichtsmaßnahmen‘ lässt es sich nicht vermeiden, dass Online-Pornografie überall, jederzeit und kostenlos verfügbar ist und Kinder damit immer früher in Kontakt kommen als jede Generation vor ihnen. Doch diese ständige Verfügbarkeit von oft sehr banalem und brutalem Sex, der immer Menschen eher ab- anstatt anturnt hat das Pendel wieder in die Gegenrichtung ausschlagen lassen. Es hat sich ein Gegentrend zum Mainstream (hard core) Porno entwickelt, der Sexualität wieder weniger als Ware, denn als Geschenk, mit dem man sorgsam umgehen sollte, ansieht und präsentiert.

Porno new age

Feministische Pornographie: Petra Joy und Erika Lust sind zwei Vertreterinnen dieses neuen Chambres. Feministischer Porno ist durch ‚Vielfalt‘, ‚Konsens‘ und ‚Fairness‘ gekennzeichnet.

  • Vielfalt meint dabei, dass es um die Lust aller Beteiligter geht – ein Porno auf Augenhöhe, wo die Wünsche und Bedürfnisse aller berücksichtigt werden. Und ‚aller‘ meint ‚aller‘. Vielfalt bedeutet, dass verschiedene Altersgruppen und Hautfarben, von schlank bis korpulent berücksichtigt werden anstatt Stereotype als Norm zu verkaufen. Hier wird auch auf kein gängiges Körperideal reduziert sondern die verschiedenen Spielarten der Natur finden in ihrer ganzen Fülle Berücksichtigung.
  • Konsens umfasst die Rahmenbedingungen der Produktion und den zwischenmenschlichen Umgang. Auf dem Set sprechen die Menschen miteinander um abzuklären was wann geht und wann Pausen notwendig sind. Wie bei echtem Sex halt….
  • Fairness bezieht sich auf die Bezahlung sowie die Arbeitsverträge und auf die Bedingungen unter denen gearbeitet wird. Keine Ausbeutung der Darsteller – es muss Spaß machen, und da soll man auch sehen.

Eine weitere Spielart des Fairporn ist der ‚zärtliche Porno‘ der ohne Anweisungen und Skript auskommt. Hier wird einfach beobachtet was sich zwischenmenschlich abspielt, wenn vereinbart ist, dass auch Sex kein Tabu ist. Freiwillige, die sich in wohnzimmerähnlicher Atmosphäre zusammenfinden nähern sich hier einvernehmlich und behutsam, jede Bewegung vor der Kamera erfolgt aus der Stimmung heraus, das Aufnahmeteam und die Kameras sind nur Zuschauer.

Alles darf, nichts muss

Hier ist alles möglich, aber nichts ein ‚must’. Es kann auch sein, dass es an einem Abend gar nicht zu Sex kommt, es kann sich aber auch eine Menage a trois oder zu noch mehrt entwickeln, oder aber es funkt nur zwischen einzelnen Teilnehmern. Denn der auf die eine Art zärtlichste ist andererseits auch der grausamste Porno der Welt. ..better porn…

Regelmäßige Porn-Film-Festivals gehören mittlerweile fast zum Pflicht-Kulturprogramm großer Städte. Die Festivals finden unter großer Anteilnahme kulturinteressierter Bevölkerung statt, finden breite Berichterstattung auch in Qualitätsmedien und Kultursendungen. Und wenn es um feministischen Porno geht, finden sich durchaus auch Frauenrechtlerinnen unter Kuratoren oder zumindest unter den Zusehern.

Im Herbst 2016 gab es das Festival ‚Porn Sensation – zwischen Kunst und Pornographie‘ in Wien und Anfang März 2018 findet in der österreichischen Bundeshauptstadt erneut eine einschlägige Kulturreihe statt. Das ‚Pornfimfestival Vienna‘ findet mit 91 filmischen Beiträgen und über 40 verschiedenen Events an vier Tagen als Partnerveranstaltung zum heuer bereits zum 13. mal stattfindenden Berliner Pornofilmfestival statt.

Fazit: Porno wird produziert. Wir halten es mit der Sextheoretikerin Annie Sprinkle: „The answer to bad porn isn’t no porn. It’s to try to make better porn!“. Und wenn das Filmprogramm dann auch noch mit Podiumsdiskussionen, Workshops und Events zu Themen abgerundet wird, dann erhält das lustvolle Zusehen doch glatt das Prädikat ‚pädagogisch wertvoll‘.

[abo]

Linktipps

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