Sex & (Pop)musik [Teil I]

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Popmusik und ihre erotische Komponente

Popmusik und ihre erotische Komponente

Manche meinen ja Populärmusik wäre auf Blut, Schweiß und Tränen gebaut, andere strapazieren den Mythos von Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Wird wohl von allem etwas sein, wenngleich wir das Gefühl haben, dass das Musikbusiness heute so sexy ist wie eine Darmgrippe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Was ist also dran an den hartnäckigen Behauptungen über die erotische Faszination von Musik? Was törnt uns an und vor allem wieso? Geht es um die Vibes, die Rhythmen, die erotische Ausstrahlung der Interpreten oder gar die anregenden Texte? Wir haben einen kleinen aber feinen, ja, beinahe wissenschaftlichen Rückblick auf die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte geworfen. Dass dieser sehr subjektiv ausgefallen ist, versteht sich angesichts des Themas von selbst …

Egal ob Blues, Soul, Funk, Rock’n’Roll oder Hip Hop: Liebe, Körperlichkeit und Sexualität immer schon eine große Bedeutung in der Popmusik gehabt. Die Behandlung dieser Themen seitens der Musiker ist aber in höchstem Maße unterschiedlich verlaufen. Standen zum Beispiel am Beginn des Rock ‘n’ Roll noch gefühlsbetonte melancholische Balladen im Vordergrund, die das Thema Liebe ausgesprochen verkitscht behandelten, änderte sich im Laufe der Zeit die Behandlung dieses Themas doch radikal. Realitätsfremde Schnulzen wichen in zunehmenden Maße kritischen Liebesliedern.

Zudem wurde auch der Faktor der erotischen Ausstrahlung von Musikern immer häufiger bewusst eingesetzt. Die Musiker der späten 1950er Jahre nutzten diese Tatsache bereits geschickt, um sich ein Image zurechtzulegen. Und die Produzenten erkannten in ihr eine verkaufsfördernde Nebenerscheinung, die ihnen sehr gelegen kam.

Als die Popmusik geschlechtsreif wurde

Der Wandel der Behandlung des Themas Liebe und Sexualität lässt sich anhand eines Vergleiches zwischen den beiden Bands THE BEATLES und THE ROLLING STONES treffend aufzeigen. Ganz im Gegensatz zu den BEATLES, die am Anfang ihrer Karriere, neben romantischen Liebesliedern, Sexualität nur in Metaphern zur Sprache brachten, wurden die ROLLING STONES schon direkter. Während die Pilzköpfe in dem Song Michelle noch zur biederen Feststellung gelangten:

Michelle ma belle
These are words that go together well,
my Michelle,
Michelle ma belle,
Sont les mots qui vont tres bien ensemble
tres bien ensamble.
I love you, I love you, I love you,…

…so nimmt sich MICK JAGGER kein Blatt mehr vor den Mund, wenn er fordert:

Let’s spend the night together
Now I need you more than ever…
I’ll satisfy you ev’ry need
And now I know you’ll satisfy me
let’s spend the night together

So emanzipierte sich das Thema Sexualität immer mehr vom Begriff der Liebe und das Bekenntnis zur eigenen Sexualität wird salonfähig. Die scheinheilige Prüderie der Vergangenheit wird damit immer mehr durchbrochen. Also fragen sich auch die BEATLES letztendlich:

Why don’t we do it in the road ?
No one will be watching us .
Why don’t we do it in the road ?

Nachdem dieser Schritt getan wurde, widmeten sich die Musiker auch den Schattenseiten der freien Liebe und der leichtfertigen Sexualität. In dem Song ‘When love comes to town’ der Band U2, läßt deren Sänger und Texter Bono Vox, erste Selbstzweifel ob seiner eigenen Unfehlbarkeit und der Frage der Richtigkeit seines Handelns aufkommen, wenn er feststellt:

…I used to make love under a red sunset
I was making promises I was soon to forget
She was pale as the lace of her wedding gown
But I left her standing before love came to town.

Wenngleich auch ein Musiker der Sonderklasse wie PRINCE weiter unverhüllt den puren Sex in seiner Musik, wie in seinen Videos predigt, so nimmt in den späten 80er und frühen 90er Jahren, ausgelöst durch die schnelle Verbreitung der Imunschwächekrankheit Aids, das zügellose Verlangen nach sexueller Befriedigung rasch ab. Da die Popmusik wie keine andere Kunstrichtung dem sogenannten Zeitgeist unterworfen ist, kann sich auch das Bedürfnis auf Behandlung tabuisierter Themen schlagartig ändern.

  

Hatte MADONNA in den 80er Jahren mit ihrem Image der entfesselten erotischen Kindfrau noch großen Erfolg, so mußte sie in den 90er Jahren feststellen, daß die Aufarbeitung des Themas Sex alleine kein Erfolgsgarant mehr war. Je freizügiger ihre Lieder und Videos auch wurden, desto weniger interessierte sich das Publikum dafür. Ihr 1993 erschienenes Album mit dem vielversprechenden Titel ‘Erotica’ wurde, gemessen am Verkaufserfolg früherer MADONNA-Platten ein kommerzieller Flop. 1994 mußte sie es sich sogar gefallen lassen, daß ein Konzert ihrer laufenden ‘Girlie-Tour ’94’ in Deutschland aufgrund der angeblichen Darstellung pornographischer Handlungen verboten wurde und damit abgesagt werden mußte.

Das ausschweifende Leben eines Rockstars mit Sex, Drugs und Rock ‘n’ Roll, wie es von Leuten wie DAVID BOWIE, IGGY POP, ELTON JOHN oder FREDDY MERCURY zelebriert wurde, wurde als Mythos zwar weiterhin erhalten, in der Realität aber hatten diese Zustände kaum noch Bedeutung. Selbst MICK JAGGER bekannte einmal, daß, hätte er nur halb soviel Alkohol und Drogen konsumiert, wie es immer verlautbart wurde, er niemals so erfolgreich werden hätte können. Damals war den Mitgliedern der STONES ein solches Image gerade recht, konnten sie sich dadurch doch besser von den BEATLES abheben, der Wahrheit entsprachen aber all die Mhyten rund um die Band nicht.

Der unerwartet plötzliche Tod des FREDDY MERCURY, Sänger und Frontman der britischen Erfolgsband QUEEN, die jahrelang das Musikgeschen beherrschten, löste endgültig eine Bewußtseinsänderung in der Musikszene aus.

Sex or Soul?

Der amerikanische Superstar PRINCE hat Ende der 1980er Jahre in vielen seiner Songs ganz offen die gängigen sexuellen Tabus der Vereinigten Staaten gebrochen. Die Themen Sex und Liebe werden in Songs wie ‘Willing and able’ oder ‘Love sexy’ nicht nur in unverblümter Form behandelt, er macht sie in seiner musikalischen Auffassung gleich zum Thema Nr.1.

“The feeling U get when U fall in love
not with a girl or boy but with the heavens above.”
Everybody on the block say it is the best
The most vital is what the say, more or less
It put my name upon my tigh
It makes me dance, it makes me cry

And when I touch it race cars burn rubber in my pants
This feeling ‘s so good in every single way
I want it morning, noon and night of every day

And if by Chance I can not have it-Ican’t say
But with it I Know heaven ‘s just a kiss away
Dig me now

Anyone that ‘s ever touched it-they don’t want nothing else
And I got 2 tell the the world
I just can’t keep it to myself

‘Lovesexy’ – words by prince ©1988 Controversy Music ASCAP

Mehr noch als die Texte, vermittelt aber die Musik an sich erotische Botschaften. Untersuchungen haben ergeben, daß der Genuß von bestimmten Popsongs auf viele Personen erotisch stimulierend wirkt. In den USA laufen zur Zeit einige Projekte, die die Ursache der erotischen Wirkung in der Popmusik empirisch erfassen sollen. Bisher gibt es nur Vermutungen welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. So gilt es auch bei der erotischen Stimulanz zwischen Männern und Frauen zu unterscheiden.

Dass Frauen zum Beispiel nur durch eine erotische Männerstimme zu erregen sind, oder Männer nur auf weiblichen Gesang reflektieren, scheint zu trivial. Tatsächlich dürfte es auch eine geschlechtsunabhängige Komponente der erotischen Wirkung der Musik geben. Dabei dürfte weniger der Gesang alleine, als die Gesamtstimmung, die von einer Nummer ausgeht, entscheidend sein.

Als typische Beispiele seien die Klassiker ‘Sexual healing’ von MARVIN GAYE oder auch ‘In the air tonight’ von PHIL COLLINS genannt. Das Geheimnis der erotischen Stimulanz gewisser Songs dürfte jedenfalls in den meisten Fällen das gleiche sein: Eine besondere Kombination von gewissen Rhythmen, die möglicherweise Assoziationen zum Geschlechtsakt erzeugen können, und der bewusste Einsatz melancholischer Dur/Moll-Akzente durch Stimme und musikalischen Hintergrund.

[red]

Quellen:

– Kave Atefie: Die Ästhetik der Populärmusik, Funktion & Wirkung eines ökon. Phänomens 1999
– Flender, R.; Rauhe, H.: POPMUSIK; Darmstadt 1989
– Norbert Boss – ROCHE LEXIKON MEDIZIN München 1987.
– Halbscheffel, B.; Kneif, T.: SACHLEXIKON ROCKMUSIK; Reinbeck 1992

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