Wie die Pornobranche tickt – und was das mit uns zu tun hat

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Wie die Pornobranche tickt – und was das mit uns zu tun hat

Fotocredit: AdobeStock & Fotolia | Nemanja Zivancevic

Noch nie war der Zugang zu Pornographie so einfach wie heute. Doch was ist Porno überhaupt? Wie tickt die Pornobranche und Pornoindustrie? Und was sagt der Umgang einer Gesellschaft mit Pornographie über diese selbst aus?

Porno – was ist das?

Die Darstellung sexueller Handlungen gab es schon immer und überall. Nicht nur unsere europäischen Urahnen erfreuten sich an expliziter Darstellung menschlicher Sexualität. Wandmalereien, Stuckverzierungen und bemalte Vasen,… vom äußersten Osten Asiens, über Indien bis ins alte Griechenland und nach Pompeji – weltweit zeugen „pornographische“ Darstellungen von der Freude an der Lust.

Der Begriff Pornographie kam allerdings erst viel später ins Spiel. „Porno“ -„graphie“ ist ein aus dem Altgriechischen abgeleitetes Kunstwort, das sich aus „Dirne“ und „malen“ zusammensetzt. Ein wenig schmeichelhafter und Frauen abwertender Begriff, der vor allem nichts mit der ursprünglichen Idee zu tun hatte.

Den Griechen selbst – und nicht nur diesen – dienten die sexuellen Darstellungen nämlich der generellen Unterhaltung und Luststeigerung von Männlein und Weiblein. Von „Dirne“ und käuflicher Liebe keine Rede.

Von der Lust zur Pornographie…

Erst viele Jahrhunderte später, genauer gesagt, als man Pompeji entdeckte, erfand „mann“ das Wort „Pornographie“. Es diente der Benennung von „obszönen Ausgrabungen“ in der vom Vulkanausbruch zerstörten Stadt. Pompeji war offenbar ein sehr lustfreundliches Städtchen gewesen, das mit Darstellungen explizit sexueller Handlungen auf öffentlichen sowie privaten Plätzen nicht geizte. Auch auf Tellern und Vasen fand man pornographische Darstellungen – nur hießen sie damals noch nicht so.

Diese Darstellungen waren jedenfalls mit der im 18.Jahrhundert vorherrschenden Moral in keinster Weise vereinbar sondern erschreckend anstößig. Sie waren offenbar sogar so obszön und „unbekannt“, dass man erst einen Begriff für diese sexuellen Darstellungen erfinden musste.

Interessant ist, dass man dann ein Wort erfand, das etwas mit käuflichem Sex zu tun hat und Frauen damit in ihrer Sexualität herabwürdigt. Offenbar war es in der damaligen moralinsauren Zeit nicht opportun, weibliche Lust als etwas Natürliches anzusehen.

Vielmehr wurde alleine schon durch die Erfindung des Wortes „Pornographie“ ganz klar zum Ausdruck gebracht, was man von weiblicher Sexualität hielt. Sie war schlichtweg „schmutzig“ und nur etwas von und für Huren – ganz sicher aber nichts für anständige Frauen.

.. und von der Pornographie zur sexuellen Befreiung

Dabei ist Pornographie nicht mehr und nicht weniger als die Darstellung menschlicher Sexualität. Die Abbildung des Sexualakts dient dabei seit jeher einem klaren Ziel: Die sexuelle Lust des Betrachters – und der Betrachterin! – zu steigern.

Es dauerte dann rund 120 Jahre, also von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 70er des letzten Jahrhunderts, bis der Begriff Pornographie zumindest für eine kurze Zeitspanne seine negative Bedeutung ein wenig verlor.

In den 60ern wurden mit Filmen wie „Die Reifeprüfung“, „Barbaralla“ oder „Asphaltcowboys“ der Boden bereitet, indem man Themen wie Ehebruch, Homosexualität und multiple Orgasmen erstmals auf die Leinwand brachte – ein Tabubruch sondergleichen.

Auch erotische Literatur wie „Die Geschichte der O“, „Lady Chatterly“ oder „Im Wendekreis des Krebses“ erlebten eine Renaissance. Nicht zuletzt wurden die Lehren Wilhelm Reichs wiederentdeckt und dienten der Hippie-Generation als weiterer Mosaikstein der freien Liebe. Von da bis zur Darstellung expliziter Pornographie inclusive Penetration und Ejakulation war es nur mehr ein kleiner Schritt.

Deep Throat – die Ära des Pornofilms beginnt

Die Verbreitung der Antibabypille in den 1960ern läutete dann endgültig die Zeitenwende ein. „Make love, not war“ war nicht nur ein Anti-Vietnam-Krieg Slogan, sondern ein gesellschaftliches Statement. Sex wurde eine Waffe, mit der die Gesellschaft herausgefordert wurde.

Junge Frauen konnten ihre Sexualität erstmals ausleben, ohne eine Schwangerschaft befürchten zu müssen. Die sexuelle Befreiung als Teil der Hippie-Bewegung fand im Pornofilm ein perfektes Medium. Für ein kurzes Zeitfenster wurde Porno salonfähig. Es war keine Schande in ein oder zwei Pornofilmen mitzuwirken, vielmehr galt es als politisches Statement und war nahezu schick.

Mit „Deep Throat“ kam 1972 dann erstmals ein Pornofilm in die Mainstreamkinos. Menschen jeden Alters – Männer wie Frauen – standen am Time Square Schlange um sich das „Lustspiel“ mit der Frau, deren Klitoris tief im Rachen sitzt, anzusehen.

Damals konnte noch niemand ahnen, dass der Porno-Klassiker noch Jahre später Millionen einspielen würde. Vielmehr war Deep Throat ein Low-Budget Film, produziert um 25.000 USD und auch die Hauptdarstellerin Linda Levelace verdiente lediglich eine lächerlich geringe Gage.

Pornobranche: Die rechte Gesellschaft schlägt zurück

Während es in liberalen Kreisen als Erfolg gefeiert wurde, dass in diesem Film neben Oralsex auch das „Recht“ der Frau auf einen Orgasmus – wenn auch auf absurde Weise – thematisiert wurde, witterten Konservative Sodom und Gomorra.

Es dauerte nicht lange, und der Bürgermeister von NY verbot den Film. 23 weitere US amerikanische Bundesstaaten folgten und setzten Deep Throat auf den Index.
Doch anstatt das Thema damit vom Tisch zu wischen, entfachte sich rund um die Zensur erst recht eine Debatte über Sexualität und wie eine Gesellschaft damit umgeht.

Zensur ebnet Weg für Hardcore Pornoindustrie

Wie so oft zeigten auch diese Verbote nicht den gewünschten Effekt – im Gegenteil, der Pornofilm startete seinen Siegeszug erst recht – nun auch in Europa. Ein Film um den anderen wurde gedreht, was dem Genre und der gesamten Pornoindustrie nicht lange gut tat. Den ersten Pornos, die noch Anspruch auf eine Handlung – und sei sie noch so abstrus – hatten und auch immer ein wenig Augenzwinkern vermittelten, folgten immer härtere Pornos mit immer weniger Handlung.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt war das Lager der Feministinnen endgültig gespalten. Während es in den Anfängen der Porno-Hochzeit noch viele Frauen gab, durchaus auch Feministinnen, die der Pornoindustrie Verdienste im Zusammenhang mit der sexuellen Befreiung der Frauen zuschrieben – einfach weil sie diese thematisierten – , wurden diese Stimmen mit zunehemender Brutalität in der Branche immer leiser.

Je härter die Anforderungen der Pornoindustrie wurden, desto lauter waren nun auch Stimmen zu hören, die die Sexualisierung, Erniedrigung und Ausbeutung von Frauen in der Sexfilmindustrie beklagten.

Schmuddeleck und Dark Net

In den 80ern mit Aufkommen von Aids einerseits und Videokassetten andererseits endete die goldene Ära des Porno. Die Pornoindustrie rutschte zurück ins Schmuddeleck und die Anforderungen an die Darsteller und vor allem Darstellerinnen wurden umso brutaler, je größer die Konkurrenz wurde – ein Teufelskreis.

Die Nachfrage bestimmt das Angebot, und wenn der Markt nach immer härteren Darstellungen verlangt, dann wird dieses Verlangen von der Industrie bedient. Ausbeutung und Gewalt in der Pornoindustrie zeichneten die nächsten Jahre aus und mit dem Aufkommen des Internet und den Möglichkeiten des Dark Net wurde die Pornobranche noch frauenfeindlicher. Auf der anderen Seite entwickelte sich aber ein völlig neues Genre: sexpositive Pornographie von und für Feministinnen.

Feministische Pornographie

Marketinggag der Pornobranche oder echte Nachfrage? Feministische Pornofilme haben einen komplett anderen Blickwinkel indem sie die Lust der Frau in den Mittelpunkt stellen. Es geht nicht um „mehr“ und „schneller“, sondern um Genuss. Es geht nicht um Leistung, sondern um Lust. Aber nicht nur die Darstellungen an sich unterscheiden sich von Mainstream Porno. Auch die Arbeitsbedingungen werden thematisiert und frauengerecht gestaltet.

Einverständliches Handeln ist dabei genauso Voraussetzung, wie Sicherheit, Gesundheit und ethische Standards. Frauen sind als Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Kamerafrauen und natürlich Darstellerinnen an der Produktion beteiligt und bringen so auf vielfältige Art und Weise weibliche Aspekte der Lust ein. Bei feministischer Pornographie geht es um sexuelles Verlangen aus weiblicher Perspektive, und das Verständnis dafür, dass Sex ein natürlicher und lustvoller Akt ist.

Übersetzt heißt Kamasutra übrigens „Verse des Verlangens“. Ein zärtlicher Begriff für durchaus derbe Darstellungen, aber in jeden Fall eine schöne Parallele zur feministischen Pornographie. Mögen wir alle bald mehr davon sehen und die Darstellung von gelebter Sexualität wieder Lust und Freude vermitteln.

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Quellen:

¹ WDR – Die Geschichte der Pornographie

Linktipps:

– Fünf Pornos die Sie kennen sollten
– Pornographie im Wandel der Zeit
– Pornofilmfestival Vienna
– Kamasutra, Lust & Liebe (gesund.co.at)