Sex & (Pop)musik [Teil II]

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars | 2 abgegebene Stimmen, durchschnittlich: 3,50 von 5 Sternen

Loading...
Was törnt uns bei Musik an?

Was törnt uns bei Musik an?

Nicht nur sanfte Stimmen, oft wirken auch die harten Rhythmen moderner Tanzmusik stimulierend auf ihre Rezipienten. Das Bedürfnis nach Ergründung des eigenen Körpers und damit das Erfahren der eigenen Sexualität, wird oft durch den Tanz befriedigt. “Die Tanzwut der Teenager in der Hochblüte des Rock ‘n’ Roll beweist, wie explosiv die ostinate Rhythmik der Musik der Schwarzen auf die Jugendlichen wirkte.”

Der Zusammenhang von Tanz und sexueller Stimulanz ist durchaus nicht verwunderlich sondern vielmehr wissenschaftlich erklärbar. “Rockmusik wird nicht zum zuhören gemacht und auch nicht zum Träumen, sondern zur Bewußtseinsveränderung meist ekstatischer Prägung. Bei der Ekstase spielen Tanz und Rauschmittel neben einer lautstarken Musik eine wesentliche Rolle. Der Rhythmus übernimmt hier die Funktion eines Antriebsfördernden Elementes, das eine Überstimulanz des Muskeltonus erzeugt;

Musik als Ekstasetechnik

Zentralem Stellenwert kommt in der musikalischen Praxis der Reizwirkung des Trommelschlages auf das zentrale Nervensystem und die elektrischen Gehirnströme zu. Die lebenswichtigen Funktionen unseres Körpers: Herzschlag, Atem und Gehirnströme sind alle einem Rhythmus unterworfen. Musikalische Rhythmen, die sich in Analogie zu den Körperrhythmen befinden, können diese beeinflußen.”

Im Zustand höchster körperlicher Erregung, gleichgültig ob diese Erregung durch musikalische Ekstase oder etwa durch sexuelle Stimulanz hervorgerufen wird, schüttet der Körper sogenannte Endorphine aus. Diese endogenen Morphine haben eine opiatartige Wirkung und modulieren die Auseinandersetzung des Menschen mit der Umwelt (sie wirken unter anderem auch schmerzregulierend und dämpfen ebenfalls schmerzbedingte Begleitreaktionen). Diese Paralellität verbindet Tanz und Sexualität und wird oft unter Anwendung von Musik in Ekstasetechniken verwendet.

Diese Erkenntnisse haben sich einige gewiefte Musikproduzenten zu Nutzen gemacht und versucht mit der Erschaffung von sogenannter Acid-House-Musik (aus der sich später die Techno-Musik entwickeln sollte) möglichst schnell eine Menge Geld zu verdienen. Tatsächlich hat sich dieser Musikstil Anfang der 90er Jahre in den diversen Discotheken der großen Städte etabliert und erfreut sich beim jugendlichen Publikum großer Beliebtheit. Techno-Musik ist in den 90er Jahren zum Symbol für jugendliche Ekstase geworden. Mit der bedingungslosen Kapitulation vor der Monotonie und der Lautstärke der Musik wollen sich die Jugendlichen in Ekstase versetzen und in Trance verfallen.

Kommunikation spielt bei der Rezeption dieser Musik keine Rolle mehr, allein das erreichen eines rauschartigen Zustands, der auch sexuell stimulierend wirken soll, steht dabei im Vordergrund. Wem die Musik dazu nicht ausreicht, der greift auch schon mal zur Modedroge mit dem sinnigen Namen Ecstasy.

Sex & Erotik ist wie Prince & Michael Jackson

Eine Ursache für den Erfolg der Popmusik im Zusammenhang mit Sexualität und Erotik, dürfte an der Tatsache liegen, daß die erfolgreichsten Stilelemente der verschiedensten Richtungen, sei es aus der europäischen Volksmusik, der lateinamerikanischen Tanzmusik (Tango, Samba,… usw.), wie aus der ethischen afroamerikanischen Musik (z.B. dem Blues) ganz einfach ‘zusammengestohlen’, und zu einem neuartigen Konglomerat vermischt wurden. Man denke nur an die geballte Kraft der Ursprünglichkeit einer Bluesnummer wie z.B ‘Manish boy’ von MUDDY WATERS, die ganz und gar ohne jegliche musikimmanenten Spielereien auskommt und trotzdem, oder gerade deswegen, mit einer Aussagekraft besticht, der man sich nur schwer entziehen kann.

  

Neben der Musik standen aber immer auch schon ihre Repräsentanten im Mittelpunkt erotischer Fantasien. Diese Tatsache war, neben vielen anderen sicherlich auch ein Grund für den enormen Erfolg der Popmusik. Waren es am Anfang der Popmusik Stars wie ELVIS PRESLEY oder JERRY LEE LEWIS, die Millionen pubertierender Jugendlicher zu erotischen Fantasien anregten, so sind es in der heutigen Zeit Musikerpersönlichkeiten wie PRINCE, TINA TURNER oder MADONNA.

Sogar das angesehene US-Wochenmagazin Newsweek, das mit der Behandlung musikalischer Themen gewöhnlich sehr zurückhaltend umgeht, kommt nicht umhin die charismatische Ausstrahlung des Allroundtalents PRINCE genauer zu analysieren. “Er ist ein Prophet der sexuellen Anarchie: Seine anzüglichen Auftritte haben ihn zu einer Kultfigur des New Wave und zu einem großen Idol der Jugendlichen aus den schwarzen Ghettos gemacht.” “‘Funky’, das bedeutet in der Sprache des Prinzen sinnliche Ekstase als Grundprinzip, die sich in anregende ‘Pelvis-Motionen’ (Fachumschreibung für das Wackeln mit den Hinterbacken) sichtbar zu äußern hat.”

Die ästhetische Wirkung geht dabei weit über die formale Schönheit der Künstler hinaus, vielmehr werden auch Gestik und Mimik, sowie charismatische Ausstrahlungskraft als Kalkül für die Popularität eines Stars herangezogen.

MICHAEL JACKSON ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Er, der schon mit fünf Jahren zum ersten Mal auf einer Bühne stand, schaffte den totalen Durchbruch erst als Twen. Er entwickelte einen eigenartigen charakteristischen Tanzstil, der sowohl Aufmüpfigkeit wie lustbetontes Körperempfinden signalisierte. JACKSON wurde bald zum absoluten Mega-Star. Seine Platten verkauften sich weltweit sensationell, das Album ‘Thriller’ wurde mit einer Milliarde verkaufter Einheiten zur meist verkauften Platte der Popgeschichte.

Frech-frivole Girlies von kultshirts.at

Am Anfang seiner Sololaufbahn versuchte man MICHAEL JACKSONS Karriere oft mit der von PRINCE zu vergleichen, doch beide Musiker sind viel zu verschieden als das man sie miteinander vergleichen könnte. Nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß PRINCE im Unterschied zu JACKSON eine Erwachsenen-Erotik verbreitete. Sowohl seine Musik als auch seine Shows und Videos lassen diesbezüglich keine Zweifel aufkommen. PRINCE scheute sich nicht davor eindeutig zweideutige Anspielungen in seinen Songs zu verwenden, seine Videos gingen immer wieder bis zum Rande der Zensur. Hübsche junge Frauen und Männer, die – dem Geschlechtsakt gleich – ihre Körper zum ekstatischen Rhythmus bewegten, bilden nicht selten den visuellen Hintergrund zu so manchem PRINCE -Video.

Dagegen konnte JACKSON gerade noch Zwölfjährige in Wallungen versetzen. Vielleicht war es in diesem Zusammenhang kein Zufall, daß sich JACKSON während eines Konzerts im Zuge einer Tanzsequenz wie zufällig an seine Genitalien griff, jedenfalls brachte ihn diese Aktion wieder in die Schlagzeilen der Presse, sodaß er sie von nun an in sein tänzerisches Repertoire aufnahm. Neue Hörerschichten konnte er mit solchen Aktionen natürlich nicht gewinnen, die scheinbare künstlerische Rivalität der beiden Stars löste sich jedoch bald in Luft auf.

Während PRINCE auf der Suche nach immer subtileren Ausdrucksformen in der Musik war, verließ sich JACKSON auf bereits bewährte Verhaltensmuster. MICHAEL JACKSON erreichte in den USA einen Status, der es ihm erlaubte beinahe alles zu machen ohne dafür vom Publikum kritisiert zu werden. Nicht anders ist es zu erklären, daß selbst der Mißbrauch eines Kindes, der ihm zur Last gelegt wurde, seinem Image nicht nachhaltig schaden konnte. Dies ist vor allem deshalb erstaunlich, da im prüden Amerika in der Regel schon wesentlich harmlosere Vergehen reichen um eine Person des öffentlichen Lebens zu Fall zu bringen.

Wir können anhand dieser beiden außergewöhnlichen Karrieren also festhalten, daß die gekonnte Selbstdarstellung vor dem Hintergrund des wachsenden Konkurrenzkampfes, für die Musiker mehr und mehr zu einem essentiellen Verkaufsfaktor wird. Die Themen Erotik und Sex haben sich dabei als hilfreiche Basis künstlerischer Selbstdarstellung herauskristallisiert.

Dabei ist den Künstlern jedes Mittel recht. JIMI HENDRIX’ Umgang mit seiner Gitarre, ließ zum Beispiel zweifelsfrei auf die Bedeutung des Instruments als Phallussymbol schließen, MADONNAS eindeutig masturbatorische Bewegungen auf der Bühne mit Hilfe des Mikrofons gingen in die gleiche Richtung. Überhaupt bedienten sich die Stars in zunehmenden Maße ihrer Instrumente, um ihre Anliegen, Agressionen und Sehnsüchte besser verbildlichen zu können. So gehörte es auch eine Zeit lang ganz einfach dazu, auf der Bühne das gesamte Equipment kurz und klein zu schlagen, um damit einerseits aufgestaute Agressionen loszuwerden, andererseits künstlerische Freitheit zu demonstrieren.

[red]

Quellen:

– Kave Atefie: Die Ästhetik der Populärmusik, Funktion & Wirkung eines ökon. Phänomens 1999
– Flender, R.; Rauhe, H.: POPMUSIK; Darmstadt 1989
– Norbert Boss – ROCHE LEXIKON MEDIZIN München 1987.
– Halbscheffel, B.; Kneif, T.: SACHLEXIKON ROCKMUSIK; Reinbeck 1992

Linktipps: