Nur nicht so schüchtern …

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‚Nur nicht auffallen, nur nichts falsch machen, nur nicht anecken‘ – das Lebensmotto der Schüchternen. Doch woher kommt Schüchternheit? Wieso sind manche Menschen schüchtern und andere nicht? Welche Lebensumstände machen einen Menschen schüchtern, und was bewirkt, dass andere selbstsicher und einnehmend auftreten? Ist scheues Verhalten angeboren oder erlernt, wie kann man übermäßige Schüchternheit ablegen uns ist das überhaupt erstrebenswert? Fakten rund um eine soziale Angst, die, nach Depressionen und Alkoholsucht, Platz drei in der Statistik der häufigsten psychischen Erkrankungen einnimmt.

Doch seit wann ist Schüchternheit eigentlich eine Krankheit? Seit wann brauchen schüchterne Menschen einen Arzt? Erst seit den frühen 80er Jahren spricht man von SAD, Social Anxiety Disorder, im Deutschen auch soziale Phobie genannt – und zwar dann, wenn Schüchternheit das Leben negativ beeinflusst. SAD ist ein modernes Krankheitsbild – entstanden in einer immer schneller werdenden Welt, in der sich alles sehr rasch verändert. Das moderne Leben verläuft nicht mehr in immer gleichen Bahnen und rasche Anpassung ist gefragt- für schüchteren Menschen kein leichtes Unterfangen.

Woher kommt Schüchternheit?

Den typisch schüchterne Menschen gibt es nicht – da gibt es einerseits die sozial benachteiligten Personen, die keinerlei Selbstsicherheit erworben haben und deren Schüchternheit man eventuell noch nachvollziehen kann. Doch viele schüchterne Menschen sind gut ausgebildet, können sich gut ausdrücken und sehen auch normal bis sehr gut aus. Woher kommt deren Schüchternheit?

Noch in den späten 1990 er Jahren meinte die Wissenschaft, dass Schüchternheit rein erlerntes Verhalten sei: „Schüchternheit ist eine Antwort auf eine Situation – keine ständige Eigenschaft. Schüchternheit ist nicht vererbbar,“ so etwa Elaine Aron im Klassiker „The Highly Sensitive Person“. Mittlerweile weiss man, dass auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. Man schätzt den Einfluss der Vererbung – je nach Studie – auf zwischen 24 und 51 Prozent.

Wenn Schüchternheit zum sozialen Problem wird

Schüchternheit ist relativ weit verbreitet – in einer aktuellen Studie gaben z.B. rund 61 Prozent der befragten Kanadier an, zumindest ein ‚bisschen schüchtern‘ zu sein. Europäische Studien gehen davon aus, dass sich auch bei uns rund die Hälfte der Bürger so einschätzt. Sind diese Menschen nun alle krank und behandlungsbedürftig? Nein, natürlich nicht. Zu einem echten Problem wird Schüchternheit erst dann, wenn die Betroffenen darunter leiden, und eine soziale Phobie entwickeln.

Wenn der Leidensdruck so groß wird, dass das Abwägen von möglichen ‚gefährlichen‘ Situationen einen Großteil der Zeit beansprucht, wenn sich Menschen immer mehr zurückziehen, und wenn sich Depressionen oder Suizidgedanken einstellen oder jemand anfängt, seine Schüchternheit mit Alkohol oder anderen bewusstseinsverändernden Substanzen zu bekämpfen – dann ist professionelle Hilfe dringend angeraten. Aporops: Es gibt Schätzungen, dass jeder zweite Alkoholiker abhängig geworden ist, weil er eine soziale Phobie hat.

Schüchterne Liebe, zarte Triebe…?

Im Bereich des zwischenmenschlichen Miteinanders geht es zunächst darum zu erobern – oder erobert zu werden. Für beides braucht man eine gewisse Portion an Selbstsicherheit und Mut. Wer Angst davor hat, wie er „ankommt“, hat es bei der Partnersuche schwer und im Balzritual schlechte Karten – geht es doch zunächst einmal darum, überhaupt wahrgenommen zu werden – etwas, was schüchternen Menschen per Definition unangenehm ist. Dann geht es um Vergleiche, Beurteilung, um Anerkennung und letztlich natürlich auch darum, sich verletzlich machen zu müssen, um Nähe überhaupt erst herzustellen. Für schüchterne Menschen ist die Partnersuche nicht einfach!

Dabei lodert in so manchem ‚Schüchti‘ ein Feuer, dass man hinter vordergründig emotionsloser Fassade kaum vermuten würde. Gerade die Tatsache, dass nach oft jahrelangem Suchen dann doch ein Partner gefunden wird, kann eine sehr starke Bindung bewirken und einen schüchternen Menschen zu einem sehr leidenschaftlich Liebenden machen. Wer jahrelang auf den oder die Richtige warten musste, weiss das Geschenk der Liebe dann oft mehr zu schätzen als jemand, dem die Herzen nur so zufliegen. Anerkennung und Aufmerksamkeit sind für schüchterne Menschen keine Selbstverständlichkeit – umso mehr wissen sie deren Wert zu schätzen!

Wer also mehr an ehrlicher und tiefer Zuneigung als an einem schnellen und oberflächlichen Flirt interessiert ist, sollte sich ganz bewusst den ruhigeren Mitmenschen widmen. Es lohnt sich vielleicht auch für Sie einmal, die schüchterne Kollegin auf einen Kaffee einzuladen oder die ruhige hübsche Kellnerin nach ihrer Telefonnummer zu fragen.

Schüchterne Menschen neigen zur Selbstunterschätzung. Ungern sprechen sie über Gefühle und können Zuneigung oft nur schwer ausdrücken. Was sie also oft monatelang hartnäckig für sich behalten, ist – einmal ausgesprochen – dann umso überraschender und oft wunderschön. Voller Empfindsamkeit und Originalität sind die Liebesbekundungen des Schüchternen keine fertigen Floskeln die rein der Schmeichelei dienen. Vielmehr sind sie in einsamen, phantasievollen Stunden lange gereift, manchmal ein bisschen kompliziert, aber in jedem Fall langer Überlegung geschuldet und aus dem Herzen kommend. Ist ein schüchternes Herz einmal erobert, so kann es so viel mehr geben, als eine oberflächliche Liebelei jemals bieten kann! – Wie heisst’s so schön: Stille Wasser sind tief – und schüchterne Menschen meist überaus großherzig!

‚Sexy Cat 69‘ und ‚Superman‘ – macht’s das Internet den Schüchternen einfacher?

Online Plattformen machen das Leben für Schüchterne scheinbar leichter – hier kann man sich hinter seinem Nickname verstecken oder sich einen Avatar zulegen und handeln und posten, wie man sich das im real life niemals trauen würde. Sexy Cat 69 und Superman können sich stark und unverwundbar geben, doch irgendwann muss man hinter der Maske hervortreten. Denn wer sich immer nur hinter dem Bildschirm versteckt, der wird seine Liebe nie leben können. Wer seine Internetbekanntschaft im real life kennenlernen will, der muss sich dann erst recht wieder trauen, er oder sie selbst zu sein. Also nein, die Anonymität des Internet macht das Werben eigentlich nur noch komplizierter…

Was hilft gegen Schüchternheit

Sollten Sie sich selbst zu den leicht schüchternen Menschen zählen, dann probieren Sie doch zunächst sich selbst aus der Schüchternheitsfalle heraus zu üben. Wir haben einen Leitfaden für Sie erstellt:

  • Analysieren: Beobachten und verstehen Sie Ihre Schüchternheit: Beobachten Sie, in welchen Situationen Sie schüchtern werden und versuchen Sie, die Gründe dafür zu erkennen. Nur wenn man den Feind kennt, kann man ihn besiegen.
  • Ehrlich sein: Sich hinter einer selbstsicheren Maske zu verstecken bringt nichts. Einerseits kostet es sehr viel Kraft, die Sie eigentlich für die Angstbewältigung brauchen, andererseits provozieren Sie falsche Erwartungen. Seien Sie lieber ehrlich und geben Sie Ihre Schüchternheit und Unsicherheit zu, sprechen Sie sie an! Umso ehrlicher Sie damit umgehen, um so stärker wirkt das Selbstbewusstsein, das Sie daraus gewinnen.
  • Üben: Suchen Sie bewusst Situationen auf, von denen Sie wissen, dass Sie dort normalerweise schüchtern reagieren. Nur wenn Sie sich den vermeintlich beängstigenden Situationen aussetzen, werden Sie erleben können, dass keine reale Gefahr droht.
  • Geduld: Jeder Sprint beginnt mit dem ersten Schritt! Wagen Sie diesen ersten Schritt – und dann noch einen und noch einen. Und vielleicht auch mal einen seitwärts oder sogar rückwärts. Na und?! Auch Umwege führen zum Ziel! Üben Sie so oft wie möglich!
  • ‚Gedanken-Karussell’ abdrehen: Anstatt sich auszumalen, was alles schief gehen könnte, zu überlegn, was er oder sie wohl denkt, wenn Sie nun dies oder jenes machen – machen Sie’s einfach! Das Visualisieren von Worst-Case-Szenarien hilft ohnedies nicht weiter – wagen Sie auch mal den Sprung ins kalte Wasser – und genießen Sie die erfrischende neue Erfahrung..
  • Smile: Lächeln macht sofort sympathisch und ist der leichteste und beste Einstieg, jemanden kennenzulernen. Sie signalisieren Interesse und ermuntern Ihre Mitmenschen Sie anzusprechen. Ein nettes Lächeln ist in jedem Fall ein Eisbrecher und Sie werden erstaunt sein, wie viele Menschen erleichtert zurück lächeln.
  • Zuhören: Dem Gegenüber zuhören zu können, ist eine Tugend! Wenn es Ihnen (noch) schwer fällt, über sich selbst zu sprechen, ermuntern Sie Ihr Gegenüber mit aktivem Zuhören und interessierten Fragen!
  • Shit happens: Jedem passieren Fehler. Sollte Ihnen ein Fehler passiert sein – thematisieren Sie ihn! Und nehmen Sie sich selbst nicht zu ernst! Menschen, die über sich selbst lachen können, fliegen die Sympathien nur so zu!

Es gibt auch gezielte Therapien, um Schüchternheit ein Stück weit zu überwinden. Mit Hilfe der Habituation, also Gewöhnung, lernen Betroffene, dass ihre Angst, nicht zu entsprechen, unbegründet ist. Sich immer wieder in genau die Situationen, die einem Angst machen, zu begeben, schafft Gewöhnung. Und was man übt und gewohnt wird, fällt einem mit jedem Mal leichter – das wissen wir alle aus Erfahrung.

Auch Partnersuche kann auf diese Art „trainiert“ werden. Bewusst ausgehen, unbekannte Menschen ansprechen, small talk üben, – all das hilft! Die zunächst beängstigende Situation wird so immer vertrauter und dadurch als immer weniger bedrohlich wahrgenommen.

In ganz schwierigen Fällen können auch Medikamente helfen – allerdings bewegt man sich hier rein auf der Ebene der Symptombehandlung und eine therapeutisch Begleitung ist unbedingt angeraten!

Zahlt es sich aus gegen Schüchternheit anzukämpfen?

Insgesamt werden die Nischen in der Welt, in denen Schüchternheit nicht auffällt – man denke nur an die sich immer rascher wandelnde Arbeitswelt – immer weniger. Überall regieren die Prinzipien Teamarbeit, Offenheit und Transparenz. Freunde, Familie und Mitarbeiter sollen flexibel sein, sich fortbilden, sich an neue Gegebenheit möglichst rasch anpassen. Und am Ende vieler Veränderungsprozesses steht die Evaluierungsphase, in der dann beurteilt wird, ob die Anpassung an die neue Herausforderung auch gelungen ist.

Doch eben diese ‚Performancemessung‘, dieses ’sich im Vergleich mit anderen behaupten zu können‘, ist für schüchterne Menschen eine unangenehme Vorstellung – ihr größter Wunsch ist es schließlich, nicht aufzufallen, und ihre größte Angst ist die, schlecht bewertet zu werden.

„Schüchternheit ist ein Fehler, den man nicht tadeln darf, wenn man ihn heilen will“, wußte schon François VI. Herzog de La Rochefoucauld, ein politisch aktiver Adeliger und Literat aus dem Frankreich des 17. Jahrhundert. Also lassen Sie es gar nicht soweit kommen, dass man Sie tadeln könnte! Kämpfen Sie gegen Ihre Schüchternheit an und überwinden Sie sie. Auch das Treffen mit Gleichgesinnten in Selbsthilfegruppen, kann helfen, die Schüchternheit zu überwinden. Oder Sie bauen sich einen Freundeskreis von Gleichgesinnten auf und arbeiten gemeinsam gegen die Schüchternheit. Es lohnt sich! Sie werden sehen: das Leben spürt sich viel intensiver an, wenn die Schüchternheit erstmals abgelegt ist!

[abo]

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